Von Bruce Davis
In unserem modernen Leben suchen die Menschen stets nach den neuesten Mittel oder einer besonderen Technik, welche die Symptome ihres Unbehagens beseitigt. Gewohnheitsmäßig suchen wir außerhalb von uns nach einer Autorität, die uns die Antworten, die wir brauchen, zeigt. Der mystische Heilungsweg erschließt sich uns, indem wir Vertrauen in unser eigenes Wesen finden, Vertrauen in unsere eigene Ganzheit und Schönheit. Dieses innere Vertrauen überträgt sich auf unseren Klienten und bringt ihn oder sie zu ihrer eigenen Quelle des Friedens, zur Heilung. Ist diese Quelle einmal wiederentdeckt, verbessern sich nicht nur die Symptome, sondern unser ganzes Leben wird auch erfüllt von mehr Energie, mehr Herz und mehr Freude.
Der Heilungsweg des Mystikers entfaltet sich durch die inneren Schritte, die er in seinem Leben umgesetzt hat. Schamanen, Priester und Heiler aller Richtungen haben übereinstimmende Schritte gefunden, die das Herz weich machen und das Bewusstsein für ihre eigene und die mystische Natur ihrer Klienten - unserer wahren Essenz - öffnen. Diese Schritte mögen vielleicht unterschiedliche Namen haben und in unterschiedlichen Ritualen ausgedrückt werden, aber grundsätzlich ähneln sie sich in allen Kulturen.
Der erste Schritt ist die Akzeptanz der Verletzlichkeit des
Lebens.
Soviel Aktivität basiert darauf, die natürliche
Verletzlichkeit des Lebens zu vermeiden. Ein Herz, das offen und
lebendig ist, ist verletzlich. Unsere Verletzlichkeit ist nicht
unser Feind, aber ein Teil von uns, den wir anerkennen, achten,
auf den wir hören, den wir schützen und mit dem wir uns anfreunden
sollen. Unsere Verletzlichkeit ist Teil der Liebe. Sie lehrt uns
etwas über unsere physische und emotionale Schönheit und unsere
Grenzen. Indem wir auf unsere Verletzlichkeit hören, hören wir
auch auf unser Herz und was wahr und gut für uns ist. Was andere
über uns denken oder von uns erwarten, wird weniger wichtig. Wir
sind einfach vertrauende Menschen, die sich an unserem Leben des
offenen Herzens erfreuen. Wir erfahren und drücken unsere Wahrheit
aus. Indem die Mystiker den Weg ihres Herzens leben, fühlen und
unterstützen sie das Herz ihrer Klienten, deren Verletzlichkeit
und Schönheit. Heiler und Patient berühren sich in diesem
Bewusstsein über die Bedeutung des Herzens, der einfachen
Gegenwart der Liebe.
Der zweite Schritt bedeutet, die Ängste zu lieben, die das
Alltagsleben kompliziert machen.
Unterhalb unserer Verletzlichkeit liegen unsere Ängste, die unsere
Offenheit gegenüber dem Leben erschweren. Aufgrund unserer Ängste
werden einfache Schmerzen und unser Unbehagen zu Hauptquellen von
Stress und Schwierigkeiten. Die Angst trennt unser Bewusstsein vom
einfachen Sein. Die Angst führt das Leben aus der Einfachheit des
Augenblickes zu den komplizierten Dramen und zur Unruhe. Die
Ängste anzuerkennen, die uns an unsere Schwierigkeiten binden,
hilft uns, das Drama in unserem Leben zu vermindern und bringt uns
unseren inneren Frieden zurück. Bei Kindern vergrößert Angst die
Probleme, denen sie sich gegenübergestellt sehen. In jedem
Erwachsenen befindet sich ein inneres Kind, dessen Angst sich auf
die gleiche Weise ausdrückt. Indem wir das Kind lieben, unser
inneres Kind, heilt die Angst, die uns von unserer eigenen
Lebensquelle trennt. Dies ist der Weg, unsere Gefühle
einschließlich unserer Unschuld wiederzuentdecken.
Der dritte Schritt bedeutet, die Leere in unserem Leben zu
umarmen.
In allen Kulturen entdecken die Mystiker in sich
den Wunsch, in die Wüste zu gehen, um ihr größeres Selbst zu finden.
Unsere Persönlichkeit fürchtet sich von Natur aus vor der Leere.
Wir trachten danach, unsere Leere irgendwie zu füllen. So hängen wir
uns an andere Menschen oder an Objekte. Wir entwickeln Gewohnheiten,
Süchte und Zwänge aus den Ängsten heraus, die an diesem leeren Platz
in uns zunehmen. Indem wir die Leere umarmen, heilt die Angst an ihrer
Wurzel. Die Herausforderungen des Lebens: Krankheit, Einsamkeit,
finanzielle Schwierigkeiten werden ganz anders erlebt, wenn keine
Angst da ist und in uns wächst. Statt des ständigen Versuches, alles
zu kontrollieren und durchzusetzen, kann der Alltag zur Freude werden,
loszulassen und zu geben. Die Angst verdeckt ganz leicht die täglichen
Kompromisse, die wir wie selbstverständlich machen. An unserem Platz
der Leere vermehrt die Angst unser Bedürfnis nach mehr Besitz oder
Selbst-Bedeutung, während einfache Freuden immer komplizierter und
schwieriger zu finden sind. Die Leere zu umarmen macht uns frei dafür,
uns einfach daran zu erfreuen, was ist. Die meisten Kämpfe sind Kämpfe
mit der Leere. Ohne Angst haben die Dramen des Lebens weniger Einfluss
auf unsere Herzen und unser Wesen. An dem Ort der Leere in uns ist
Raum, damit die in unserer Seele gegenwärtigen göttlichen Samen
wachsen können. In unserer Leere wächst ein neues Bewusstsein, das
göttliche Leben.
Freundschaft mit der Leere zu schließen ist der Anfang des Weges des Mystikers zu anderen Wirklichkeiten. Während die meisten Menschen sich treiben lassen von der Hast der Welt, bemüht sich der Mystiker, im Bewusstsein die Leere zu umfassen und einfach zu sein. In unserer Leere machen wir uns erreichbar für einen anderen Weg, das Leben unserer Seele. Während die meisten Menschen immer nur die Alltagswelt in ihr Denken und ihre Herzen hineinlassen, sehnt sich der Mystiker nach einem Geist, offen für den reinen Himmel und nach einem Herzen voll sanften Seins. Wenn die Welt das Herz nicht in Beschlag nimmt, dann findet der Mystiker andere Räume im Inneren. Wenn das Herz als etwas Heiliges behandelt wird, findet man viele Türen im Inneren, bereit sich zu öffnen. In unserer Leere findet unsere Seele Raum, Wurzeln zu schlagen. Ein Wissen um spirituelle Dinge stellt sich ganz natürlich ein. In Abwesenheit von Angst öffnen sich Räume im Herzen für die Gegenwart von Engeln. Viele Dimensionen der Heilung und des Friedens kommen nahe. Unser Bewusstsein breitet sich zu einem Selbst aus, das viel größer als unser körperliches Sein ist, ein Selbst eines sich immer mehr ausbreitenden Friedens. Das ist das Bewusstsein der Ewigkeit.
Der vierte Schritt ist den eigenen Boden des Seins zu
finden.
In dem Prozess, die eigene Leere anzunehmen,
findet der Mystiker den eigenen Boden des Seins. Während die
meisten Menschen ihre alltägliche Identität in der Arbeit, Familie,
verschiedenen Aktivitäten gründen, findet der Mystiker den einfachen
Boden im Inneren. Hier erwächst die spirituelle Identität des
Mystikers. Leben ist Veränderung. Wenn die Menschen ihre Identität
auf äußere Dinge stützen, ohne von ihrem inneren Wesensgrund zu
wissen, fürchten sie die Veränderung, das Herz verschließt und
entzieht sich. In der Leere findet das Bewusstsein seinen wahren
Grund. Das Bewusstsein des Mystikers ruht im einfachen Sein. Mit
weniger Angst gibt es weniger Versuche das zu kontrollieren oder zu
bekämpfen, was das Leben präsentiert. Unser einfacher Boden des Seins
gibt dem Drama und dem Konflikt der Welt nur wenig Platz, um sich dort
auszubreiten. Der Mystiker braucht sich nicht vor anderen Mächten zu
schützen oder zu verteidigen. In der Leere ist der Mystiker frei,
gegenwärtig, holt Atem aus dem Wesensgrund des Seins. Der Boden
des Seins ist die Verbindung des Mystikers zu den anderen und der
Welt. Der Mystiker berührt den Wesensgrund des Seins in anderen und
heilt dadurch die Trennungen vom Herzen und vom reinen Sein. Diese
Berührung kann mit oder ohne Worte geschehen, aus der Nähe oder
Ferne . In unserem Wesensgrund des Seins sind wir einfach. Wenn wir
unseren eigenen Boden finden und aus ihm leben, hat das Erschaffen
von unnötigen Konflikten und Stress im Leben ein Ende. Für den, der
aus dem eigenen Wesensgrund im einfachen Frieden lebt, ist des
Lebens überfließender Garten immer gegenwärtig.
Der fünfte Schritt ist die eigene Wirklichkeit zu erschaffen.
Wenn der Mystiker den Grund des Seins gefunden hat und aus
ihm lebt, ist das Leben mehr als nur die Reaktion auf Ereignisse und
anderes um ihn herum. Wenn das Bewusstsein des Mystikers in der Leere
ruht, ist dort im Inneren Platz für neue Möglichkeiten, Freude
bejahend. Wahres Leben beginnt aus unserem inneren Boden, aus
unserem inneren Garten zu wachsen. Wenn wir im Inneren nicht mit der
alltäglichen Welt besetzt sind, wenn wir Raum in unserer Leere haben,
können wir beginnen zu schauen, was natürlich, leicht in unserem
Leben wächst. Das Wachstum eines physischen Gartens der Partnerschaft,
eines Zuhauses, der Arbeit beginnt mit dem Aufbau eines spirituellen
Gartens des Friedens, der einfachen Freude und Schönheit.. Den
spirituellen Garten im Inneren zu ehren ist der erste Schritt zu
einem wirklichen Leben in der Welt. In der einfachen Liebe zu sein
machen die kleinen Blumen des Augenblicks, wahres Leben, Gemeinschaft
und Dienst möglich. Während die meisten Menschen glauben, dass ein
neuer Partner, eine neue Arbeit oder ein neues Vorhaben ihnen das
geben wird, was sie wünschen, weiß der Mystiker, dass , den inneren
Frieden zu finden, zuerst erforderlich ist, um ihnen den nächsten
Schritt, den Menschen oder das Vorhaben in die Welt zu bringen.
Dieses Vertrauen ist das, was der Mystiker anderen gibt, das
Vertrauen, dass dieser Friede und diese Schönheit bereits in uns
sind. Es ist eine Reise der Anerkennung unserer Kreativität,
unserer Intuition, wenn wir der Freude lauschen und folgen.
Der Mystiker lebt in jeder neuen Tiefe des einfachen Seins. Aus
diesem einfachen Sein heraus, aus diesem Nichts geben wir dem Leben
um uns herum Bedeutung und Gewicht. Der Mystiker sieht, dass die
Schwierigkeit oder Herausforderung von heute in ihrer wahren Natur
leer, nichts ist. Jeden Tag sieht der Mystiker, dass das Leben, das
wir oft zu ernst nehmen, in seiner wahren Natur leer, nichts ist.
Aus diesem Nichts heraus gibt der Mystiker sein Herz und Bewusstsein
in neue Möglichkeiten, neues Leben, neue Anfänge voller Schönheit
und Freude. Aus dem Nichts beginnt jeden Tag neues Leben.
Der sechste Schritt ist Empfangen.
Leben ist
weniger das, was wir tun, sondern mehr empfangen dessen, was uns
gegeben ist. Leben ist nicht etwas, das zu leisten ist, sondern
ein Geschenk, das zu empfangen ist. Jeden Tag geht es darum,
des Lebens kleine Blumen der Augenblicke, die Schönheit und den
Frieden zu empfangen. Jeden Tag gibt es Geschenke zu öffnen und
zu genießen. Diese Geschenke sind Nahrung für die Seele. Das
Leben des Mystikers ist gefüllt mit wirklicher Nahrung, die
sowohl die Seele als auch den Körper nährt. Wirkliche Nahrung
ist, was das Herz tief berührt. Augenblicke in der Natur, mit
einem Freund, im Gebet, wirkliche Nahrung erscheint in vielen
Formen. Der Mystiker hört, empfängt, lebt den Pfad, der ihn
wirklich nährt. Während andere damit beschäftigt sind
herauszufinden, was an dem Tag nicht stimmt, zu sehen, was
aneinander nicht gefällt, empfängt der Mystiker die reine
Gegenwart des Lebens. Wie andere sich durch ihre Urteile vom
Leben trennen lassen, somit auch von Menschen, die ihnen
andersartig erscheinen, sowie von neuen Aktivitäten, umarmt
der Mystiker das Leben im Innen wie im Außen. In der Leere, auf
dem Boden des Seins bleibt der Mystiker nah bei der Essenz des
Lebens. Die Persönlichkeit trennt uns ihrem Wesen nach vom
einfachen Sein mit Gedanken an irgendetwas. Das Leben der Seele
jedoch begrüßt und findet ihrem Wesen gemäß das Herz in jeder
Tätigkeit Das Herz in der Gelegenheit ist wirkliche Nahrung. Das
Herz in jedem Augenblick, in jeder Begegnung ist das, was den
inneren Garten nährt. Wirkliche Nahrung fegt die Energie der Angst
weg. Wirkliche Nahrung hält uns nah bei der Heiligkeit des
Augenblicks. Es besteht keine Notwendigkeit, das Leben kompliziert
zu machen. Wirkliche Nahrung versorgt unser einfaches Sein
unmittelbar. Das ist das Leben des Mystikers. Wirkliche Nahrung
stärkt das Bewusstsein für die Ewigkeit. Wenn wir dieses Bewusstsein
empfangen, verändert sich, was wir für wichtig halten und was
wahren Wert hat. Die spirituellen Dimensionen des Lebens entfalten
sich.
Der siebte Schritt ist die eigenen Geschenke zu leben.
Während die meisten Menschen danach schauen, etwas zu tun,
und dann hoffen, die freie Zeit und die Mittel zu haben, das Leben
zu genießen, findet der Mystiker, was ihm jetzt Freude gibt, und
hieraus wachsen Leben und Arbeit, um die Freude fortzusetzen.
Wie die meisten Menschen Kompromisse schließen und auf Dinge
hoffen, die in der Zukunft anders sein werden, so beginnt der
Mystiker damit, den einfachen Frieden jetzt zu empfangen, und
daraus erwachsen Leben und Arbeit, um Freude und Frieden
fortzusetzen. Es gibt Zeiten mit mehr oder weniger davon, aber
der Mystiker hat immer seinen Seinsgrund zu seinem Schutz, die
einfache wirkliche Nahrung, die ihn nährt. So wie die meisten
Menschen immer mehr brauchen, aber nie wirklich zufrieden gestellt
sind, so wird der Mystiker unmittelbar mit den einfachen Freuden
des Lebens jeden Tag genährt Im Seinsgrund findet jeder die
Geschenke, die mit in die Welt gebracht wurden. Diese Geschenke
drücken Gott im Innern aus. Diese Geschenke bilden die Verbindung
zu den anderen und der Welt. Aus dem Grund des Seins wachsen diese
Geschenke natürlich und finden ihren Platz im Garten des Lebens.
Diese Geschenke öffnet das Leben auf natürliche Weise und bringt
sie zum Ausdruck, wenn die Angst nicht regiert. Wenn der Lehrer,
der Geschäftsmann, der Therapeut, der Gärtner mit Herz arbeitet,
ist das die Geburt unserer inneren Geschenke. Die entscheidende
Sache ist, das eigene Herz, die eigene Freude zu empfangen. Sobald
unsere Geschenke unser Herz zum Ausdruck bringen, erfüllt sich das
Leben. Sich der Geschenke bewusst zu werden, ist das, was dem Leben
Sinn und Zweck gibt. Es gibt Zeiten mit mehr oder weniger Einkommen.
Der Mystiker ist reich dadurch, dass er die Geschenke des Lebens
empfängt. Dienst ergießt sich aus seinem Herzen wie Wasser aus einer
frischen Quelle. Dienst einzubringen schafft den Ausgleich für all
die Geschenke, die der Mystiker empfängt So wie die Seele im Leben
des Mystikers weiter Wurzeln schlägt, wachsen die Geschenke reichlich.
Die Jahreszeiten des Lebens werden willkommen geheißen und genossen.
Es gibt eine Zeit für den Winter und vollkommene Stille. Es gibt eine
Jahreszeit, um sich zu öffnen für die Hoffnung auf die Neuanfänge des
Frühjahrs. Es gibt eine Jahreszeit, um die Fülle des Sommers zu
empfangen und zu teilen Es gibt eine Zeit des Loslassens, nackt zu
sein wie im Herbst. Aus seinem Seinsgrund umarmt der Mystiker das
Leben, indem er die Geschenke, die ihm in jeder Jahreszeit zukommen,
umfasst. In der Einfachheit ist der Garten des Lebens stets
gegenwärtig.
Bruce Davis, Ph.D. lernte vier Jahre lang bei einer Eskimo Schamanin, lebte bei Heilern auf den Philippinen, in Ashrams und Klöstern in Asien und Europa. Er ist der Autor von Der einfache Friede des Franz von Assisi, Liebe heilt, Leben aus der Stille und Das magische Kind in dir. Bruce lebt jetzt in Assisi, wo er zusammen mit seiner Frau Ruth, Lehrerin für sakrale Bewegung, das Assisi Retreat Zentrum leitet Jedes Jahr bietet Bruce spirituelle Retreats in Assisi und anderen Teilen Europas an. Menschen aus vielen Ländern kommen und lernen, ihr eigenes mystisches Wesen und die Herzensfreude kennen.
Letztes Update: 05.04.2004
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